PUSHING BORDERS

07. Juli bis 31. Juli | MAERZ

Juli 2026

Einladung-Pushing Borders

PUSHING BORDERS
INTERNATIONALE AUSSTELLUNGSKOOPERATION MIT DER POOLHAUS-BLANKENESE STIFTUNG, HAMBURG

Eröffnung: Dienstag, 07. Juli 2026, 18:00 Uhr
18:00 Uhr Begrüßung und Ehrengäste
ab 18:30 Uhr Führung durch die Ausstellungen (afo und MAERZ)
anschließend Fest am Herbert-Bayer-Platz mit Getränken, Essen und Musik
(live mit „The Lettners“)

Laufzeit: 08. – 31.07.2026

Künstler*innen: Benjamin Allers, Sevil Amini, Gerhard Brandl, Judith Gattermayr, Tanja Hehmann, IRIS-A-MAZ, Karin Maria Pfeifer, Claus Prokop, Otto Saxinger und Katja Staudacher

An Karin Maria Pfeifer’s Projekt beteiligte Komplizz:innen:
Benjamin Allers, Tanja Hehmann, Katja Staudacher, Timo Pfeifer, Margit Greinöcker, Lisa Spalt, Otto Saxinger und Lola Pfeifer

 

Es ist nicht leicht, die Dinge von ihrer Mitte her wahrzunehmen und nicht von oben nach unten, von links nach rechts oder umgekehrt […].
Deleuze/Guattari

Musk kapert den Nachthimmel, Landesgrenzen werden überrannt, manche wollen zum Mars – und ins Gehirn der Menschen eindringen wollen sie auch. Grenzen des Wachstums scheint es keine mehr zu geben und Regeln des Zusammenlebens werden nicht mehr beachtet. Das Wohl anderer ist längst keine Grenze mehr, an der Egoismus und Größenwahn noch haltmachen würden.

Im Projekt „PUSHING BORDERS“ geht es um globale, gesellschaftliche und zwischenmenschliche Himmelfahrtskommandos – und um die Frage, wie Kunst, der die Grenzüberschreitung seit jeher eingeschrieben ist, mit ihnen umgehen kann. Dafür kooperieren KünstlerInnen aus Österreich und Deutschland miteinander und realisieren zwei interdisziplinäre Ausstellungsprojekte in der Galerie MAERZ der Künstler- und Künstlerinnenvereinigung Linz (im Juli 2026) und im Poolhaus Blankenese Hamburg (im September/ Oktober 2026), jeweils eingebettet in ein Begleitprogramm.

Mehr Informationen zur Poolhaus-Blankenese Stiftung:
www.poolhaus-blankenese.de

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PUSHING BORDERS – Grenzen verschieben, überschreiten, neu denken

Eröffnungsworte von Brigitte Reutner-Doneus

Zunächst möchte ich mich herzlich für die Einladung bedanken, die Einführung zu dieser Ausstellung sprechen zu dürfen. Es ist mir eine große Ehre, und ich freue mich sehr, heute einige Gedanken mit Ihnen und euch teilen zu können.

Ich möchte meine Einführung in drei Teile gliedern: Zu Beginn steht ein Gedicht, das einen direkten Bezug zu einem Werk der Ausstellung hat und für mich symptomatisch für unsere Zeit steht. Daran schließen einige persönliche Überlegungen an, bevor ich schließlich auf die einzelnen künstlerischen Positionen eingehe. Dabei ist es mir ein besonderes Anliegen, die Künstler:innen – sofern sie anwesend sind – in die Rede einzubeziehen, vielleicht sogar in einer kleinen, unerwarteten Form.

Der Name Ozymandias bezeichnet in der griechischen Antike den mächtigen Pharao Ramses II. Percy Bysshe Shelley schrieb 1817 das gleichnamige Gedicht im Rahmen eines Dichterwettbewerbs. Das Thema lautete: die Vergänglichkeit der Macht.

Ozymandias
Percy Bysshe Shelley (1792–1822)

Ich begegnete einem Wanderer aus altem Land,
der sprach: „Ich sah zwei Beine, groß aus Stein,
in einer Wüste stehn … Und in dem Sand
lag ein Haupt, das zeigte ein Stirnrunzeln,
das man bekommt vom Kommandieren. (…)

Und auf dem Sockel stand in alter Schrift:
„Ich heiße Ozymandias und bin der Herr der Welt.
Niemanden gibt’s, der mich je übertrifft.“

Nichts weiter blieb. Um den Zerfall
von diesem großen Werk herum sieht man,
so weit das Auge reicht, nur Wüste überall.

Warum beginne ich mit einem Auszug aus diesem Gedicht?

Weil es nicht nur von der Vergänglichkeit eines Herrschers erzählt. Es stellt eine Frage, die bis heute aktuell geblieben ist: Was bleibt von dem, was wir Macht, Fortschritt oder Größe nennen? Was geschieht, wenn das Streben nach immer mehr seine eigenen Voraussetzungen zerstört? Genau an diesem Punkt beginnt für mich auch der Titel dieser Ausstellung: Pushing Borders. Grenzen zu verschieben gilt in unserer Kultur meist als etwas Positives. Grenzen überschreiten bedeutet Fortschritt, Entwicklung, Wachstum. Wer Grenzen verschiebt, gilt als innovativ; wer sie akzeptiert, erscheint schnell als rückständig oder mutlos. Doch vielleicht lohnt es sich heute, diese Vorstellung noch einmal zu befragen.

An einem der heißesten Tage dieses Sommers habe ich mich mit diesen Gedanken in eine kühle Klamm zurückgezogen. Dort fiel mir ein Satz wieder ein, den ich am Morgen beim Frühstück im Radio gehört hatte und der mich nicht mehr losließ.

Eine ehemalige Vorsitzende der Katholischen Frauenbewegung Österreichs sprach darüber, was der Begriff der Utopie heute für unsere Gesellschaft bedeuten könne. Sie meinte, Utopien müssten nicht zwingend erreicht werden; ihre wichtigste Funktion bestehe darin, Menschen zu motivieren, die Welt Schritt für Schritt zu verbessern. Nicht die Utopie selbst hat mich irritiert. Es war das Wort „verbessern“.

Ich musste dabei an meine Schulzeit in einer kleinen Landschule denken. Im Schulheft war immer Platz für Verbesserungen vorgesehen. Das, was wir geschrieben hatten, oder besser gesagt: das, was ich geschrieben hatte, musste anschließend verbessert werden. Doch was bedeutete dieses Verbessern eigentlich? War es tatsächlich ein Lernen? Oder war es vor allem ein Anpassen an eine Norm? Ein Nivellieren? Oder war es damals einfach wirklich so schlecht um meine Rechtschreibung bestellt?

Beim Gehen durch die Schlucht kam mir eine weitere Frage: Kann wirklich alles besser werden, wenn wir uns permanent verbessern müssen? Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass dieses kleine Wort unsere Gegenwart erstaunlich gut beschreibt. Vielleicht passt es gerade deshalb so gut zu Pushing Borders. Denn die Logik der ständigen Verbesserung gehört heute fast selbstverständlich zu unserem gesellschaftlichen Selbstverständnis. Alles soll effizienter, schneller, größer und erfolgreicher werden. Grenzen erscheinen dabei vor allem als Hindernisse, die überwunden werden müssen. Doch diese Vorstellung wirkt zunehmend erschöpfend. Sie belohnt häufig den Stärkeren, produziert Konkurrenz und hinterlässt nicht selten Kollateralschäden, die wir erst sehr spät erkennen. Vieles, was wir lange als Fortschritt gefeiert haben, zeigt heute seine Schattenseiten. Vielleicht suche ich deshalb manchmal Trost ausgerechnet in den drastischen Bildern des Scheiterns, in jenem eigentümlichen österreichischen Schmäh, der dem Misslingen eine erstaunliche sprachliche Präzision verleiht.

Den Ofen ausmachen.
Den Hut draufhauen.
Den Karren in den Graben setzen.
Aus Gold Blech machen.
Einen Scherbenhaufen hinterlassen.
Die Hütte anzünden.
Den letzten Nagel in den Sarg schlagen.

Diese Redewendungen sind drastisch, manchmal komisch und zugleich erstaunlich tröstlich. Sie gestehen ein, dass Scheitern zum menschlichen Handeln gehört. Sie tun nicht so, als ließe sich alles optimieren. Vielleicht beruhigen sie mich gerade deshalb. Denn auf unserem Fortschrittstrip der letzten zweihundert Jahre haben wir viele blinde Flecken übersehen und sind dabei mehr als einmal gründlich auf die Nase gefallen. Daher rührt wohl meine Skepsis gegenüber dem Begriff des Verbesserns. Dieses Unbehagen ist allerdings nicht nur ein persönliches Gefühl. Es begegnet uns auch in den Analysen unserer Gegenwart.

In Philipp Bloms 2024 erschienenem Buch Hoffnung. Über ein kluges Verhältnis zur Welt wird eine Zeit beschrieben, die geprägt ist von Klimakrise, ökologischer Zerstörung, geopolitischen Konflikten und der rasanten Beschleunigung technologischer Systeme. Wir sägen, so Blom, an dem Ast, auf dem wir sitzen, während wir gleichzeitig so tun, als ließe sich alles weiter optimieren. „Lasst alle Hoffnung fahren, ihr, die ihr eintretet“ – Dantes Inferno scheint hier plötzlich zu einer Beschreibung unserer Gegenwart zu werden.

Blom zeigt zugleich, dass die großen Fortschrittserzählungen des 19. und 20. Jahrhunderts: die Vorstellung, alle Probleme ließen sich letztlich technisch oder ideologisch lösen, ihre Überzeugungskraft weitgehend verloren haben. Wir leben nicht mehr in Zeiten eines naiven Zukunftsglaubens. Vielmehr stellt sich heute die Frage nach dem Zusammenhang von Fortschrittslogik, Überforderung und dem Gefühl, dass unsere Handlungsspielräume immer kleiner werden. Ich gehöre zu jenen, die die Klimakatastrophe nicht nur als Wandel, sondern als existenzielle Krise verstehen.

Machen wir uns nichts vor: Die Vorstellung, wir könnten uns die Welt dauerhaft untertan machen, hat endgültig ihre Unschuld verloren. Wenn aber die Idee unbegrenzten Wachstums selbst Teil des Problems geworden ist, verändert sich auch unsere Vorstellung von Grenzen. Vielleicht ist es deshalb an der Zeit, nicht nur über Verbesserung zu sprechen, sondern über Begrenzung. Über Verantwortung gegenüber anderen Lebensformen. Über ein Denken, das nicht auf Expansion, sondern auf Koexistenz zielt. Pushing Borderskönnte dann eine andere Bedeutung erhalten. Nicht nur Grenzen zu verschieben. Sondern auch zu erkennen, warum sie existieren. Und manchmal sogar, sie zu respektieren.

Genau deshalb interessiert mich diese Ausstellung. Die hier versammelten Arbeiten liefern keine fertigen Antworten. Aber sie eröffnen Räume, in denen Grenzen untersucht, verschoben, hinterfragt oder auch bewusst anerkannt werden können. Sie laden dazu ein, über Material, Sprache, Körper, Erinnerung und Macht neu nachzudenken und damit auch über die Bedingungen unseres Zusammenlebens.

Ich möchte nun ein, zwei Sätze über die ausgestellten Werke sagen und die jeweiligen Künstler:innen bitten – sofern sie anwesend sind –, den von mir begonnenen Satz selbst zu Ende zu führen. Ich habe mich bewusst gegen klassische Fragen zu den Werken entschieden. Mich interessiert vielmehr, welche Grenze jede Arbeit berührt – oder vielleicht auch überschreitet.

IRIS-A-MAZ – Himmelssturz 03, 02, 04, 2026
(Iris Holstein und Matthias Hederer: Künstlerkollaboration, aus Hamburg)
Himmelssturz
greift das traditionsreiche Motiv des Fallens aus Mythologie, Bibel und Kunstgeschichte auf und überführt es in einen zeitgenössischen Bildraum. Ausgehend von Rubens‘ Höllensturz der Verdammten (ein Gemälde aus der Zeit des 30-jähr. Krieges, ohne Perspektive der Rettung) wird das Fallen nicht mehr als Moment der Strafe oder des Scheiterns verstanden, sondern als dauerhafter Schwebezustand zwischen Kontrollverlust, Transformation und der Möglichkeit eines Neuanfangs.

Die Grenze zwischen Fallen und Fliegen verläuft für uns ….?

Claus Prokop – Stop, 2026
Prokop lebt in Wien; Stop
(4 Exemplare aus einer Serie von 8) transformiert ein alltägliches Bedienelement in ein symbolisches Objekt, das angesichts gegenwärtiger globaler Konflikte Fragen nach Macht, Verantwortung und den Möglichkeiten politischen Handelns aufwirft. Durch die Verbindung von technischen Elementen mit historischen und kulturell codierten Klangsignalen entsteht ein vielschichtiges Zeichen zwischen Intervention, Erinnerung und utopischer Hoffnung.

Die Grenze zwischen Hoffnung und Handlung verläuft für mich …?

Tanja Hehmann, , Dear Nike #2, Dear Nike #3, Raum B: Dear Nike (What does a victory really mean, when war are all in the same boat?)
Tanja Hehmann lebt in Hamburg; Ausgehend von der antiken Ikonografie der Nike entwickelt die Arbeit eine zeitgenössische Reflexion über Erfolg, Macht und gesellschaftlichen Wandel. Durch die Überlagerung von Malerei und Siebdruck sowie die Spannung zwischen Materialität und Transzendenz wird die Siegesgöttin weniger als Symbol des Triumphs denn als Metapher für kollektive Zukunftsentwürfe und die Bedingungen des Zusammenlebens lesbar.

Die Grenze zwischen Erfolg und Scheitern verläuft für mich …?

Otto Saxinger – Xre-Sozialreise #9
Otto Saxinger, lebt in Linz;  Xre-Sozialreise #9
setzt sich mit der Zirkulation und Aneignung von Bildern im digitalen Zeitalter auseinander. Durch die Kombination von Medienfragmenten und Bildern aus sozialen Netzwerken sowie die gezielte Verpixelung werden Sehgewohnheiten hinterfragt und die Bedingungen sichtbar gemacht, unter denen Bilder Bedeutung erzeugen, verlieren und in neuen Kontexten erneut lesbar werden.

Die Grenze zwischen Bild und Wirklichkeit verläuft für mich …?

Judith Gattermayer
Judith Gattermayer lebt in Linz; Die Arbeiten PLASTIK und ICH VERLIERE MICH IN DIR, 2025,  untersuchen Material als Träger körperlicher und emotionaler Zustände. Durch die Verbindung instabiler, organisch wirkender Substanzen mit technischen Konstruktionen entsteht ein Spannungsfeld, in dem Fragen nach Körperlichkeit, Transformation und dem Zustand des Dazwischen verhandelt werden.

Die Grenze zwischen Körper und Material verläuft für mich …?

Sevil Amini – Frau im persischen Garten, 2026
Sevil Amini gebürtig in Teheran, lebt in Hamburg; Die Rauminstallation Frau im persischen Garten verbindet Elemente der persischen Miniaturmalerei mit westlichen Bildtraditionen zu einem begehbaren Bildraum, in dem der Garten als kultureller und symbolischer Ort Fragen nach Identität, Erinnerung, weiblicher Selbstbehauptung sowie dem Verhältnis von Intimität und Öffentlichkeit in Zeiten gesellschaftlicher und politischer Unsicherheiten verhandelt.

Die Grenze zwischen Schutz und Freiheit verläuft für mich …?

Katja Staudacher

Geburt der Venus, 2026
Die Nachtwache, 2026
Raum A.: Titel, 2025
Katja Staudacher, lebt in Hamburg. Die Arbeiten von Katja Staudacher untersuchen, wie alltägliche Materialien durch Transformation, Anordnung und partizipative Eingriffe neue Bedeutungs- und Erfahrungsräume erzeugen. Im Spannungsfeld von Funktion und Form, Körper und Raum sowie Stillstand und Handlung werden Stoffe und Objekte zu Trägern eines materiellen Gedächtnisses, das sich erst im Umgang mit dem Raum und den Besucher:innen entfaltet.

Die Grenze zwischen Objekt und Begegnung verläuft für mich …?

Gerhard Brandl – Co_81, 2024
Gerhard Brandl lebt in Linz; Mit der Serie Co_ greift er historische Bildvorlagen auf und überführt sie durch malerische Eingriffe in eine zeitgenössische Bildsprache. Dadurch wird das Gemälde weniger als abgeschlossene Darstellung verstanden, sondern als Ort, an dem Bildgeschichte, Erinnerung und malerische Aneignung neu verhandelt werden.

Die Grenze zwischen Aneignung und Neuerfindung verläuft für mich …?

Benjamin Allers – Ozymandias 2
Benjamin Allers, lebt in Hamburg; „Ozymandias 2“ ist eine prozessuale, ortsspezifische Installation, die ein wachsendes Archiv individueller Aussagen zu Grenzüberschreitungen aus Tontafeln aufbaut. Die Tafeln entstehen im Keller der MAERZ und werden vom Künstler hierher gebracht. Die Arbeit verbindet dieses „Gefühlsarchiv“ mit einer räumlichen Struktur, in der die Regale selbst als Grenzarchitektur im Ausstellungsraum wirken. Sie reflektiert das Verhältnis von Sprache, Macht und materieller Dauerhaftigkeit im Kontext künstlerischer Archivpraktiken.

Die Grenze zwischen Erinnerung und Archiv verläuft für mich …?

Karin Maria Pfeifer – How to plan a bank robbery, 2012
Karin Maria Pfeifer lebt in Wien und Hagenbrunn; How to plan a bank robbery
untersucht die Grenze zwischen gesellschaftlicher Ordnung und ihrer Überschreitung. Die Künstlerin präsentiert ein Interview mit dem echten Bankräuber Friedrich Olejak und ein fiktiver Banküberfall, den sie selbst mit Kompliz:innen im Keller der MAERZ plant.

Durch die Verbindung von dokumentarischer Erzählung und künstlerischer Inszenierung wird weniger die kriminelle Handlung selbst als vielmehr die Konstruktion von Macht, Handlungsspielräumen und ihren Begrenzungen zum Gegenstand der Arbeit.

Die Grenze zwischen Ordnung und Freiheit verläuft für mich ….?

Ich danke allen Künstler herzlich dafür, dass sie sich auf dieses kleine Experiment eingelassen haben. Weil jede Arbeit ihre eigene Sprache spricht, entsteht kein geschlossenes Weltbild. Vielmehr eröffnet sich ein vielstimmiger Raum, in dem unterschiedliche Vorstellungen von Grenze, Überschreitung, Verantwortung und Transformation nebeneinander bestehen können. Vielleicht liegt genau darin die Qualität dieser Ausstellung: Sie fordert uns nicht einfach dazu auf, Grenzen zu überschreiten. Sie lädt uns vielmehr ein, darüber nachzudenken, welche Grenzen wir verschieben sollten und welche wir neu wahrnehmen oder vielleicht sogar schützen müssen.

Im Zentrum dieser Ausstellung steht für mich die Frage, wie Grenzen entstehen, wie sie verschoben werden und welche Verantwortung mit ihnen verbunden ist. Die Arbeiten zeigen keine fertigen Antworten. Sie eröffnen vielmehr Denk- und Erfahrungsräume, in denen Material, Sprache, Erinnerung und Körper ebenso verhandelt werden wie Macht, Identität und gesellschaftliches Zusammenleben.

Grenzen erscheinen dabei nicht als neutrale Linien. Sie sind kulturelle, politische und persönliche Konstruktionen. Sie bestimmen, was sichtbar wird, was unsichtbar bleibt, was gesagt werden kann und was unausgesprochen bleibt. Sie entscheiden darüber, wer dazugehört, wer ausgeschlossen wird und welche Vorstellungen von Zukunft wir überhaupt entwickeln können. Vielleicht bedeutet Pushing Borders deshalb weniger, jede Grenze überwinden zu müssen. Vielleicht bedeutet es zunächst, die Grenzen zu erkennen, die unser Denken bestimmen.

Zwischen jenen Grenzen zu unterscheiden, die Menschen voneinander trennen, und jenen, die das Zusammenleben mit anderen Menschen, mit anderen Lebewesen und letztlich mit unserem Planeten überhaupt erst ermöglichen. Dann wäre das Verschieben von Grenzen kein Selbstzweck mehr, sondern Ausdruck von Verantwortung.

Am Beginn meiner Rede stand Shelleys Ozymandias. Ein Herrscher, der sich für den Herrn der Welt hielt. Geblieben ist nicht seine Macht, sondern die Erinnerung daran, wie vergänglich Macht wird, wenn sie ihre eigenen Grenzen vergisst. Vielleicht liegt genau darin die Aktualität dieses Gedichts. Und vielleicht erzählen auch die Arbeiten dieser Ausstellung auf sehr unterschiedliche Weise davon, dass Zukunft nicht allein durch Expansion entsteht, sondern durch die Fähigkeit, Grenzen immer wieder neu zu befragen.

Alexander Kluge beginnt sein Buch Sand und Zeit – Bilderatlas mit folgendem Zitat. Ich möchte meine Rede damit abschließen: „Ich bin mir sicher, dass es mitten im Verblendungszusammenhang Auswege gibt. Das ist die Arbeit von Götterboten und Engeln, weil wir eine so alte Gattung sind. Weltlich gesprochen sind das Spurenelemente aus unserer Evolution. Wir tragen solche Spuren in unseren Körpern, auf der Haut, in den Nerven, im Tränenapparat, im Gesicht und im Hirn (dort gespiegelt). In zerrissener Welt ist das die Basis unserer Zuversicht.“ (Kluge, S. 7)

Ich wünsche Ihnen einen anregenden Abend, gute Gespräche und vor allem die Neugier, die Grenzen dieser Ausstellung mit den eigenen Fragen zu verschieben. Vielen Dank.

 

}

07.07.26, 18 Uhr