IMPERFEKT
DIE SCHÖNHEIT DES FEHLERHAFTEN
Rainer Nöbauer-Kammerer
26. Mai bis 26. Juni 2026 | MAERZ
Mai bis Juni 2026
Eröffnung: Dienstag, 26. Mai 2026, 19:00 Uhr
Begrüßung: Mag.a Lisa Spalt (MAERZ)
Grußworte: Mag. a Margot Nazzal (Direktorin Kultur und Gesellschaft Land Oberösterreich)
Einführung in die Ausstellung: Dr. Georg Wilbertz (Architektur- und Kunsthistoriker)
Laufzeit: 27.5 – 26.6.2026
Begleitende Programmpunkte:
Sonderführung im Rahmen der „Architekturtage 2026“ in Kooperation mit afo architekturforum oberösterreich am Samstag, 30.5.2026 um 16:00 Uhr
Link: https://afo.at/programm/architekturtage-1/at26/abschluss-der-architekturtage
Podiumsdiskussion am Donnerstag, 18.6.2026, 19:00 Uhr
Die folgende Expert:innenrunde nähert sich dem Thema praxisnah und erweitert die Perspektive über ästhetisch-künstlerische Aspekte hinaus: Dipl.-Ing. Ulrich Aspetsberger (Architekt / Caramel Architektur), Dipl.-Ing.in Brigitte Kumpfmiller (Bundesdenkmalamt, Landeskonservatorat für Oberösterreich), MMag. art. Rainer Nöbauer-Kammerer (Künstler) und Dr. Georg Wilbertz (Architektur- und Kunsthistoriker)
Finissage: Freitag, 26.6.2026, 15:00 – 18:00 Uhr der Künstler ist anwesend
Konzert von Desaster II (Klangruinen) der Sparte Musik um 19:00 Uhr
———-
IMPERFEKT – Die Schönheit des Fehlerhaften
Der neue Werkzyklus des Künstlers Rainer Nöbauer-Kammerer geht von bautechnischen Mängeln und Verfallserscheinungen bei Bauwerken des 20. und 21. Jahrhunderts aus. An diesen zu beobachtende bauliche Schäden, Mängel und Verletzungen werden bildnerisch und skulptural inszeniert und zu autonomen Werken der bildenden Kunst.
IMPERFEKT überträgt negativ gewertete Mängel und Schäden bewusst in die künstlerischen Gattungen Skulptur und Relief. Bruch, Fehler und Schaden werden sichtbar gemacht und in ästhetische Qualitäten transformiert. Dies geschieht durch komplexe, gezielte Materialprozesse und mechanische Manipulationen, die in den Arbeiten kalkulierte Fehler und Schäden erzeugen. Die Folge sind Risse, Abplatzungen, Instabilitäten sowie beschleunigte Oxidations- und Verschimmelungsprozesse. Als weitere Ästhetisierungsstrategien treten Sammlung und Musealisierung im eigens für die Ausstellung neu gefassten Raum der MAERZ hinzu.
IMPERFEKT stellt in einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche und Unsicherheiten das herrschende Dogma des Perfekten bewusst in Frage und stellt ihm eine Ästhetik der lauernden Unvollkommenheit entgegen.
Biografie
Rainer Nöbauer-Kammerer wurde 1979 in Linz geboren. Nach einer Ausbildung zum Bildhauer studierte er Bildende Kunst und Kulturwissenschaften an der Kunstuniversität Linz.
Seine künstlerische Praxis setzt sich mit gesellschaftlichen Zuschreibungen und Konventionen auseinander und entwickelt daraus eigenständige, häufig interdisziplinäre Zugänge. Durch die Verbindung von Perspektiven aus Natur- und Kulturwissenschaften mit konkreten Situationen und Kontexten hinterfragt seine Arbeit etablierte Kategorisierungen und Wahrnehmungsmuster. Subtil erarbeitet Rainer Nöbauer-Kammerer eine Ästhetik des Widerstands, ohne diese explizit als solche zu benennen.
Seine Arbeit wurde durch Auszeichnungen und Stipendien gewürdigt, zuletzt durch das Staatsstipendium für Bildende Kunst der Republik Österreich (2024). Internationale Ausstellungs- und Residencyerfahrung, darunter Projekte am CCA Glasgow, Salzburger Kunstverein, Transit Photographies Montpellier, Forum Stadtpark Graz, Stadtgalerie Bern, Künstlerhaus Dortmund, Mana Contemporary New York und im S.Y.P Art Space Tokyo. Lehrtätigkeit an der Kunstuniversität Linz.
———-
IMPERFEKT – The Beauty of Imperfection
Artist Rainer Nöbauer-Kammerer’s new body of work is inspired by structural defects and signs of decay found in 20th- and 21st-century architecture. The damage, defects and structural injuries observable in these buildings are artistically and sculpturally reinterpreted and transformed into autonomous works of visual art.
IMPERFEKT deliberately transfers flaws and damage—typically regarded as negative phenomena—into the artistic media of sculpture and relief. Fracture, flaw and damage are rendered visible and transformed into aesthetic qualities. This is achieved through complex and deliberate material processes and mechanical interventions that generate calculated flaws and damage within the works themselves. The result is cracks, spalling, instabilities, as well as accelerated oxidation and mould-growth processes. Further strategies of aestheticisation emerge through acts of collecting and museum display within the MAERZ space, newly reconfigured for the exhibition.
At a time of social upheaval and uncertainty, IMPERFEKT deliberately challenges the prevailing dogma of perfection, countering it with an aesthetic of underlying imperfection.
Biography:
Rainer Nöbauer-Kammerer was born in Linz in 1979. After training as a sculptor, he studied Fine Art and Cultural Studies at the University of Arts Linz.
His artistic practice explores social attributions and conventions, using them to develop independent, often interdisciplinary approaches. By combining perspectives from the natural and cultural sciences with specific situations and contexts, his work challenges established categorisations and patterns of perception. Rainer Nöbauer-Kammerer subtly develops an aesthetic of resistance without explicitly naming it as such.
His work has been recognised with awards and grants, most recently the State Grant for Fine Art from the Republic of Austria (2024). International exhibition and residency experience, including projects at CCA Glasgow, Salzburger Kunstverein, Transit Photographies Montpellier, Forum Stadtpark Graz, Stadtgalerie Bern, Künstlerhaus Dortmund, Mana Contemporary New York and S.Y.P Art Space Tokyo. Lectures at the University of Art and Design Linz.
———-
Kunsthistorischer Essay von Dr. Wilbertz über IMPERFEKT von Rainer Nöbauer-Kammerer
IMPERFEKT
„Auf Festigkeit wird Rücksicht genommen sein, wenn die Einsenkung der Fundamente bis zum festen Untergrund reicht und die Baustoffe, welcher Art sie auch sind, sorgfältig ohne Knauserei ausgesucht und angewendet werden.“
Vitruv, De architectura libri decem, 1. Buch, Kapitel 3 (zwischen 33 und 14 v. Chr.)
Firmitas (Festigkeit) bildet für den antiken Architekturtheoretiker Vitruv die Basis (und erste Kategorie) aller gebauten Wirklichkeit. Sie ist damit nicht nur die Voraussetzung für den Nutzen und die Funktion des Gebauten, sondern auch für deren ästhetische Qualität und Wirkung. Das perfekt ausgeführte, auf Dauerhaftigkeit ausgelegte Haus gibt dem Menschen Sicherheit, Schutz und Geborgenheit. Es ist eng verbunden mit unseren Vorstellungen von Schönheit.
Bauschäden, Verletzungen und Fehler sind Indikatoren für Verfall und Zerstörung. Sie zeigen sich an der Oberfläche des Baukörpers, haben ihre Ursache aber häufig in den unsichtbaren, schwer erreichbaren Tiefen der baulichen Substanz. Unsere Behausungen sind unverzichtbare Grundpfeiler unserer Existenz. Werden sie fragil oder schadhaft, führt dies zu spürbarer Verunsicherung und Störung unserer seelischen Verfasstheit. Das Unbewusste wird getriggert, wir verlieren Stabilität.
Rainer Nöbauers Werkzyklus IMPERFEKT thematisiert all dies und wird damit zum symbolischen Abbild einer mehr und mehr ins Wanken geratenden Realität. Bildproduktion und -rezeption (v.a. im Raum des Digitalen und pseudowertvoller Produktwelten) werden immer perfekter, während zugleich gesellschaftliche, soziale und kulturelle Prinzipien des Humanen ihre konstituierende, stabilisierende Relevanz verlieren. (Selbst-)Destruktion heißt das neue Paradigma.
Bereits ab den frühen 1960er Jahren gehören die künstlerischen Strategien der „Neuen Realisten“ zu jenen internationalen, sehr heterogen agierenden Positionen, die das Material, seine Infragestellung sowie Prozesse seiner Verletzung und Zerstörung zum Ausgangspunkt künstlerischer Arbeit machen. Inhaltlicher Angriffspunkt war die Saturiertheit einer Wirtschaftswundergesellschaft, deren Kunstproduktion sich in ästhetisch-künstlerischer Affirmation einer nachgeholten, vielfach dekorativ verstandenen Moderne erschöpfte. Parallelen zur übersatten Welt des Digitalen drängen sich auf.
Rainer Nöbauer verfolgt künstlerisch die Strategien der Imitation und Simulation, ohne selbst schaffend (Stichwort künstlerische Handschrift) in Erscheinung zu treten. Die Arbeiten des Werkzyklus präsentieren sich als objektiv aufgefasste Sammlung, die, den Moulagen des 19. Jahrhunderts vergleichbar, Ausschnitte einer verletzten (kranken?) Körperlichkeit (Haus) zeigen. Physisch-chemische Prozesse und ihre resultierenden Erscheinungen werden angestoßen, simuliert, durchdekliniert und als Phänomene stiller und undramatischer Destruktion vorgeführt.
Rahmung, traditionelle Raumfassung, Hängung und geradezu klassische Positionierung der Skulpturen im Raum sind Elemente einer sorgfältigen Präsentation und Musealisierung, die zunächst die Schäden und Verletzungen harmlos erscheinen lassen. Gleiches gilt für die Perfektion der Ausführung, die ein erhebliches Ästhetisierungspotential in sich trägt. Die resultierenden „Bilder“ folgen künstlerischen und ästhetischen Prinzipien der Moderne vor und nach 1945. Abstraktion, Informel sowie autonom ablaufende Werkbildungsprozesse führen zu Arbeiten von hoher grafischer, malerischer und plastischer Qualität. Diese will ernstgenommen werden und versteht sich keineswegs als ironischer Kommentar zu den Fragilitäten und Verletzungen unserer Gegenwart. Eher geht es um die grundsätzliche Sichtbarmachung ästhetisch-künstlerischer Potentiale im Destruktiven, ohne dies im Wortsinn zu beschönigen. Lässt man sich auf die Arbeiten ein, zeigen sie, dass unter der Haut (nicht nur des Gebauten) verstörende Kräfte wirken. Kleine und große Katastrophen können die Folge sein. Die Akzeptanz des „Hässlichen“ (im Widerspruch zum „klassisch Schönen“) und seiner bildnerischen Ausformungen als Teil von Existenz und Realität musste bereits Karl Rosenkranz in seiner „Ästhetik des Häßlichen“ (1853) konstatieren.
„Dieser innere Zusammenhang des Schönen mit dem Häßlichen als seiner Selbstvernichtung begründet daher auch die Möglichkeit, daß das Häßliche sich wieder aufhebt, daß es, indem es als das Negativschöne existiert, seinen Widerspruch gegen das Schöne wieder auflöst und in die Einheit mit ihm zurückgeht.“
Karl Rosenkranz, Ästhetik des Häßlichen (1853)
Rainer Nöbauers „Arbeitsprogramm“ kann man kaum besser zusammenfassen.
———-
Dr. Wilbertz on IMPERFEKT by Rainer Nöbauer-Kammerer
IMPERFEKT
“Due regard will be paid to durability when the foundations are carried down to solid ground and when the materials, of whatever kind, are carefully selected and applied without parsimony.”
Vitruvius, De Architectura Libri Decem, Book I, Chapter 3 (c. 33–14 BC)
For the ancient architectural theorist Vitruvius, firmitas (durability) constitutes the foundation—and the first category—of all built reality. It is not only a prerequisite for the utility and function of what is built, but also for its aesthetic quality and effect. A well-constructed building designed for permanence provides people with security, protection, and a sense of belonging. It is closely linked to our notions of beauty.
Structural damage, ruptures, and defects are indicators of decay and destruction. They manifest themselves on the surface of a building, yet their causes often lie hidden deep within its inaccessible structural substance. Our dwellings are indispensable foundations of human existence. When they become fragile or damaged, this results in a tangible sense of uncertainty and disturbance to our psychological well-being. The unconscious is triggered; we lose stability.
Rainer Nöbauer’s body of work IMPERFEKT addresses precisely these conditions and thus becomes a symbolic reflection of a reality that is becoming increasingly unstable. The production and reception of images—particularly within digital environments and pseudo-valued product worlds—are becoming ever more perfected, while at the same time the social, cultural, and human principles that once provided stability and cohesion are losing their constitutive relevance. (Self-)destruction has become the new paradigm.
Since the early 1960s, the artistic strategies of the Nouveaux Réalistes have belonged to a broad and highly heterogeneous group of international positions that take materiality, its questioning, and the processes of damage and destruction as the starting point of artistic practice. Their target was the complacent saturation of postwar prosperity society, whose artistic production often exhausted itself in the aesthetic affirmation of a belated and frequently decorative understanding of modernity. The parallels to today’s oversaturated digital world are difficult to ignore.
Rainer Nöbauer employs artistic strategies of imitation and simulation without foregrounding his own authorial presence or artistic signature. The works in the IMPERFEKT series present themselves as an objectively conceived collection which, comparable to the moulages of the nineteenth century, displays fragments of an injured—or perhaps diseased—body (the house). Physical and chemical processes and their resulting manifestations are initiated, simulated, systematically explored, and presented as phenomena of quiet and undramatic destruction.
Framing, traditional modes of display, hanging methods, and the almost classical placement of the sculptures within the exhibition space are elements of a carefully considered presentation and musealization that initially render the damage and ruptures seemingly harmless. The same applies to the perfection of execution, which possesses considerable aestheticizing potential. The resulting“images” follow artistic and aesthetic principles associated with modernism both before and after 1945.
Abstraction, Informel, and autonomous processes of artistic formation give rise to works of remarkable graphic, painterly, and sculptural quality. These works demand to be taken seriously and should by no means be understood as ironic commentaries on the fragilities and injuries of the present. Rather, they seek to make visible the aesthetic and artistic potentials inherent in destructive processes without, in the literal sense, beautifying them.
If one engages with these works, they reveal that disturbing forces are at work beneath the surface—not only of what is built. Small and large catastrophes may be their consequence. The acceptance of the “ugly,” in opposition to the “classically beautiful,” and its artistic manifestations as part of existence and reality had already been articulated by Karl Rosenkranz in his Aesthetics of Ugliness (1853):
“This inner connection of the beautiful with the ugly as its self-destruction also establishes the possibility that the ugly may in turn negate itself; that, existing as the negative of the beautiful, it resolves its contradiction to beauty and returns to unity with it.”
Karl Rosenkranz, Aesthetics of Ugliness (1853)
Few formulations could summarize Rainer Nöbauer’s artistic programme more aptly.

